The FAZ reports:
Karl Kardinal Lehmann, der frühere
hessisch-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker und Salomon
Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, werden am
5. Juli den Hessischen Kulturpreis erhalten. Hinter dieser Nachricht
verbirgt sich ein kleines deutsches Trauerspiel - oder ein Lehrstück
über die gegenwärtige Lage der Idee einer „toleranten, weltoffenen und
zukunftsgewandten Perspektive der deutschen Gesellschaft“, wie es das
Kuratorium des Kulturpreises ausdrückt. Denn es fehlt ein Vertreter des
Islam, den man ursprünglich ins Auge gefasst hatte.
Im Dezember
des vergangenen Jahres las man die ersten Meldungen über den Preis, der
am 22. März verliehen werden sollte. Darin stand noch der Name von Fuat
Sezgin, einem hochverdienten Wissenschaftshistoriker, der an der
Frankfurter Universität Quellen der arabischen Naturwissenschaft
analysiert und herausgibt. Aber Sezgin zog sich, wie das Kuratorium des
Kulturpreises nun bekanntgab, auf eigenen Wunsch zurück. Aber auch die
zweite Wahl hatte sehr gute Gründe für sich: sie fiel auf den
Schriftsteller und Publizisten Navid Kermani. Kermani ist ein Autor von
hoher literarischer Sensibilität - und das Preiskuratorium hätte sich
keinen besseren Träger für die Auszeichung suchen können.
Meditation über das Kreuz
In Rom hatte Kermani einen
Artikel für die „Neue Zürcher Zeitung“ verfasst, der zum Stein des
Anstoßes werden sollte. Es handelte sich um eine Meditation über das
Kreuz, in der Betrachtung von Guido Renis Altarbild in der römischen
Basilika San Lorenzo in Lucina. Für die Muslime, die Jesus als
Propheten anerkennen, aber von einer Sohnschaft nichts wissen wollen
und den qualvollen Tod für einen bloßen Schein erklären, stellt das
Kreuz eine große Herausforderung dar. Und von dieser sprach Kermani in
sehr deutlichen Worten in seinem Artikel: „Kreuzen gegenüber bin ich
prinzipiell negativ eingestellt.“ Aber seine Ablehnung der
„Kreuzestheologie“, die er in scharfe Worte fasste, war doch nur der
Anfang einer Gedankenbewegung. Er las aus den Worten des sterbenden
Christus - „warum hast du mich verlassen?“ - etwas wie eine Klage,
vielleicht eine Anklage im Namen der Menschheit gegen die Gottheit. Und
plötzlich fand er vor dem Altarbild „den Anblick so berückend, so
voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre.
Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz
glauben.“
Aber nun begann der interreligiöse Dialog, den man doch
fördern wollte, zu stottern. Kardinal Lehmann und Peter Steinacker
fanden in Kermanis Gedankengang nicht die kühnen Reflexionen eines
Muslims, der vielleicht nahe daran war, an seinem eigenen Bekenntnis
irre zu werden, sondern einen „so fundamentalen und unversöhnlichen
Angriff auf das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens“,
dass sie den Preis bei gleichzeitiger Vergabe an Kermani nicht annehmen
wollten.
Nun hat man entschieden, den Preis den beiden Christen und Salomon Korn
zu verleihen. Kermani erfuhr erst durch einen Anruf der F.A.Z., dass er
inzwischen gestrichen war - was nicht für jene Kultur des „Respekts“
spricht, in deren Namen man zu handeln vorgibt. Am 5. Juli wird die
Auszeichnung verliehen. Der vielbeschworene „Dialog“ hat sich diesmal
selbst ad absurdum geführt, indem sich zeigt, wie wenig gerade seine
lautstärksten Vertreter, zu denen Kardinal Lehmann und Peter Steinacker
nun einmal gehören, in Wahrheit zu ihm bereit sind. Es gibt da ein paar
gute Leute, die Freunde der allgemeinen Toleranz und des Friedens.
Diese guten Leute scheinen zu glauben, dass ein Gespräch dann besonders
fruchtbar ist, wenn von Anfang an alle einer Meinung sind.
Too bad they found a prominent Jewish German to substitute for a Muslim German. Oops, that not what happened: Fuat
Sezgin refused to accept the prize with Salomon
Korn in protest over what Korn had written about the Gaza war.
Here is the offending NZZ article. The offensive phrasing seems to be, not quoted by the FAZ, the bolding below:
Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.
written after explaining that
Gewiss stösst mir die Lust, die katholische Darstellungen seit der
Renaissance an Jesu Leiden haben, auch deshalb so auf, weil ich es von
der Schia kenne und nicht kenne. Ich kenne es, weil das Martyrium dort
genauso exzessiv bis hin zum Pornografischen zelebriert wird, und ich
kenne es nicht, weil genau dieser Aspekt der Schia in Grossvaters
Glauben, der mehr als jeder andere Bezugspunkt meine eigene religiöse
Erziehung bestimmt hat, wie ich bei der Lektüre seiner Memoiren
feststelle, keine Rolle spielte, ja als Volks- und Aberglauben
abgelehnt wurde, der die Menschen davon abbringe, die Welt zu
verbessern, statt nur ihren Zustand zu beklagen.
Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht,
dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als
andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage.
Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz
rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes
barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über
die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer
erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung
ablehnen. Sie tun es ja höflich, viel zu höflich, wie mir manchmal
erscheint, wenn ich Christen die Trinität erklären höre und die
Wiederauferstehung und dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei. Der
Koran sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sei. Jesus sei entkommen.
Nope, we can't have a cardinal or Kirchenpräsident stand on the same stage with somebody who writes that. Or the FAZ is leaving out important context.
The NZZ also reports, in particular about Cardinal Lehmann's stance:
[U]nter Verweis auf den NZZ-Artikel schrieb der Bischof (oder sein
Sekretär) einen harschen Brief an die Staatskanzlei. Glauben wir einem,
der den Brief gelesen hat, so stand dem Sinne nach darin: Die
Äusserungen Kermanis über das Kreuz Christi seien von einer derart
schockierenden religiösen Intoleranz, dass es dem Kardinal unmöglich
sei, in Gemeinschaft mit Kermani aufzutreten und den gleichen Preis
entgegenzunehmen. ....
Unsere Bitte um Klärung, wodurch genau sich Navid Kermani als
Preisträger disqualifiziere, beschied das Bistum abschlägig: «Kardinal
Lehmann wird zu Ihrer Anfrage keine Erklärung abgeben», teilte man uns
schriftlich mit. Wir sollten uns an die Hessische Staatskanzlei als
Zuständige wenden. Die brach ihr Schweigen gestern am späten Nachmittag
und gab bekannt, dass sie Navid Kermani dem bischöflichen Einspruch
opfert (freilich drückt man es diplomatischer aus). Den Brüskierten
eher zu informieren als die Presse, hielt die Staatskanzlei nicht für
nötig.
Update #1: Deutschlandradio interviews on of the peace prize jury members, Helmut Seemann:
Karkowsky: Und das wollen wir noch mal
erklären. Sie hören Helmut Seemann, den Präsidenten der Stiftung
Weimarer Klassik, er sitzt in der Jury des Hessischen Kulturpreises,
hat die Preisträger mit ausgesucht. Herr Seemann, Navid Kermani wurde
ja vor allen Dingen von Kardinal Lehmann abgelehnt, weil er sich in der
"Neuen Zürcher Zeitung" kritisch über das christliche Symbol des
Kreuzes geäußert hat. Ich zitiere: "Gerade weil ich ernst nehme, was es
darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die
Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank
gegenüber der Schöpfung." Weiter sagt dann Kermani sehr differenziert,
ihn stört die Anbetung des Schmerzes auch im schiitischen Islam. Zitat:
"Ich kenne es, weil das Martyrium dort genauso exzessiv bis hin zum
Pornografischen zelebriert wird." Und am Ende des Textes versöhnt er
sich sogar mit der berückenden Darstellung Jesu am Kreuz, wie in Guido
Reni auf seinem Gemälde "Kreuzigung" zeigt, und sagt: "Erstmals dachte
ich: Ich - nicht nur man - könnte an ein Kreuz glauben." Finden Sie
diesen Text anstößig im Sinne Kardinal Lehmanns?
Seemann:
Nein, ich habe eine vollkommen andere Haltung dazu, was deswegen - ich
sage das sonst nie, aber in dem Zusammenhang muss ich es, fürchte ich,
jetzt doch sagen -, ich selber katholisch bin und deswegen über die
Äußerungen von Karl Kardinal Lehmann wirklich entsetzt bin, weil sie
zum Ausdruck bringen, dass er einen Text nicht verstehen kann. Und das
finde ich eine ganz schlimme Sache, wenn es um einen Kulturpreis geht,
wiederum. Denn hier sehen wir einen Menschen, der sich über ein
Ärgernis - und das Kreuz ist gerade auch nach christlichem Verständnis
ein Ärgernis - ärgert und nun im Anblick der Kunst sich mit diesem
Ärgernis in einer sehr differenzierten Form verständigt, vielleicht
sogar aussöhnt, das bleibt ein bisschen offen. Das ist ein
hochinteressanter Text auf der Grenze zwischen Religion und Kultur und
ist deswegen exakt das, worum es eigentlich bei diesem Preis gehen
müsste. Und das wird nun von einem anderen Preisträger, von dem ich
geglaubt hätte, dass er hermeneutisch über die Grundausstattung eines
kulturellen Menschen verfügt, wird dies zum Anlass genommen, sich gegen
Kermani auszusprechen. Ich finde das wirklich ganz schlimm. Und ich
kann mir auch eigentlich nicht vorstellen, dass es der einzige Grund
ist, der Kardinal Lehmann leitet, denn dieser Text ist nach meiner
Meinung nicht in irgendeiner Weise blasphemisch, sondern er bringt
etwas zum Ausdruck, was zum Beispiel auch Goethe zum Ausdruck gebracht
hat. Ich bin ziemlich sicher, Kardinal Lehmann würde einen Goethe-Preis
nicht deswegen nicht annehmen, weil Goethe in bestimmten Zusammenhängen
schon auch mal vom Scheißkreuz spricht. Das kann ärgerlich sein und das
ist es auch in der Geschichte immer wieder gewesen, und schon Jesus
Christus hat es im Evangelium als Ärgernis benannt. Das heißt, an
welcher Stelle des Verstehens stehen wir denn hier?
Karkowsky:
Wie verhält sich denn die Jury jetzt? Die könnte ja im Prinzip komplett
zurücktreten, weil die Idee eines Toleranzpreises der Religionen mit
diesen Preisträgern nicht möglich war. Stattdessen findet die
Preisverleihung statt, und zwar nur mit zwei Christen und einem Juden.
Ist das richtig so?
Seemann: Ja, also das ist jetzt eine politische Entscheidung, die Ministerpräsident Koch so vorgeschlagen hat.
Not clear to me what the Goethe reference here is.
Update #2: There is still the question why both Steinacker and Lehmann are doing this, thought it isn't too puzzling the Koch supports their position. Playing to the base would be the obvious political interpretation -- but it is still interesting the both of them seem to see mobilizing a shrinking base as their best option and are willing to pay for this stance in public opinion.